Titelillustration: Dirk Wieczorek

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Grammatik zu Lektion 9 / gramatiko de leciono naŭ


<-at-> oder <-it->? Spezielle Fälle zur Wahl der passivischen Partizipien

Verben geben normalerweise Tätigkeiten an, die zu einem bestimmten Zeitpunkt beginnen, eine Weile andauern und dann zu einem anderen Zeitpunkt enden. In allen diesen Fällen ist es einfach, das zugehörige Partizip festzulegen: Man wählt ein Partizip auf -i(n)t- , wenn die Handlung zeitlich zurückliegend stattfand, auf -a(n)t- , wenn die Handlung gerade geschieht, und auf -o(n)t- , wenn die Handlung stattfinden wird.

Beachten Sie, dass -i(n)t- nicht unbedingt bedeutet, dass die Handlung schon ihr Ende erreicht hat, und dass aus -o(n)t- nicht zwingend hervorgeht, dass die Handlung noch nicht begonnen hat.

Schwierigkeiten gibt es bei allen Verben, die diesem einfachen Konzept nicht entsprechen, z.B. wenn es gar nicht um eine Handlung geht, sondern um einen Zustand, einen diffusen Prozess, o. Ä., vor allem im Passiv.

Im Folgenden exemplarisch einige Beispiele mit verschiedener Problematik:


1) okupi 'besetzen': Zustand oder Handlung?

(a) La seĝo estas okupata. Der Stuhl wird? ist? besetzt.
Schnappt sich dann gerade jemand den Stuhl (Handlung), oder sitzt jemand darauf (Zustand)?

(b) La seĝo estas okupita.Der Stuhl ist besetzt worden? war besetzt?
Nahm jemand den Stuhl in Besitz (Handlung) oder hat jemand auf ihm gesessen (Zustand)?

Empfehlung:
Deuten Sie
okupi als 'in Besitz nehmen' (Handlung).
Daraus folgt dann:
(a)
La seĝo estas okupata.
Der Stuhl wird in Besitz genommen. (Handlung)
(b)
La seĝo estas okupita.
Der Stuhl ist in Besitz genommen worden. (Zustand nach Handlung)

Streng genommen, bedeutet (b) nicht, dass der Stuhl noch immer reserviert ist, aber ohne einen gegenteiligen Hinweis wird man das annehmen. Schon gar nicht lässt sich aus (b) ableiten, dass zurzeit jemand auf dem Stuhl sitzt.


2) kovri 'bedecken': 2 Bedeutungen, als Handlung wie auch als Zustand!

(a) Oni kovras mian brakon per gipso. Mia brako estas gipskovrata.
Man bedeckt meinen Arm mit Gips. Der Arm wird mit Gips bedeckt. (Handlung)
Nun mia brako estas gipskovrita.
Jetzt ist mein Arm mit Gips bedeckt (worden). (Zustand nach Handlung)

(b) La gipso kovras mian brakon. Mia brako estas gipskovrata.
Der Gips bedeckt meinen Arm. Mein Arm ist gipsbedeckt. (Zustand)

kovri hat offenbar zwei Bedeutungen, (a) eine Handlung (dynamisch) und (b) eine Zustandsbeschreibung (statisch), übrigens wie im Deutschen.


3) permesi 'erlauben':
'Das ist erlaubt.' => Tio estas permesata? permesita?

Bei den meisten dieser Verben hilft es, sie als Handlungen zu interpretieren, um das eingangs genannte einfache Schema verwenden zu können. Der Zustand wird dann als "Zustand nach Handlung" interpretiert, so dass man -ata nimmt, wenn die Handlung gerade stattfindet (okupata, kovrata, permesata), aber -ita für den Zustand danach (okupita, kovrita, permesita). Damit folgt man auch dem häufigsten Sprachgebrauch.

Wie unter 1 auch hier der Hinweis, dass permesita streng genommen nur bedeutet, dass eine Erlaubnis ausgesprochen wurde, aber nicht, ob diese zur Sprechzeit noch gilt. Wir erinnern uns, dass -it- nichts über den aktuellen Zustand aussagt.

Um sicherzustellen, dass die Erlaubnis zur Sprechzeit noch gilt, würde ein penibler Sprecher/Schreiber deshalb eindeutiger formulieren:
Por tio validas permeso. Dafür gilt eine Erlaubnis.

In der Praxis geht man aber stillschweigend davon aus, dass die Erlaubnis auch noch zur Sprechzeit gilt, wenn nichts anderes gesagt wird. Für eine effektive Kommunikation ist ein gewisser Grad von Vagheit notwendig, denn der Zwang, sich immer völlig eindeutig äußern zu müssen, würde auch Esperanto schwer verwendbar machen. Falsch ist aber die Annahme, die aktuelle Gültigkeit stecke in -it-, das ist nicht der Fall.

Zusammenfassung:
'Das ist erlaubt' kann man normalerweise mit
Tio estas malpermesita wiedergeben.


4) "antaŭe -ata/-ita":
'Wie vorher erwähnt ...' => Kiel antaŭe menciate? menciite?
... und ähnliche Verweise

Die Erwähnung liegt zeitlich zurück, das spricht für menciite, aber wird mit antaŭe nicht in die Zeit der Handlung gewechselt, in der das Erwähnen gerade stattfindet, also besser menciate?

Antwort:
Es fehlt ja das Prädikat. Mit dessen Ergänzung erhält man gemäß obiger Argumentation:

Kiel estis antaŭe menciate ...
Wie vorher schon erwähnt wurde ...
bzw.
Kiel estas antaŭe menciite ...
Wie vorher schon erwähnt (ist) ...

Zusammenfassung:
'Wie vorher erwähnt' kann man sowohl mit
Kiel antaŭe menciate als auch mit Kiel antaŭe menciite wiedergeben.


5) indiki 'anzeigen': Zustand oder Handlung?

Sur la ŝildo la vojo estas indikata? indikita?
'Auf dem Schild wird der Weg angezeigt.'

Meistens sieht man in diesem und ähnlichen Sätzen die -ita-Form, aber wohl mehr durch den Einfluss des Deutschen, dessen Passivpartizipien übertrieben verallgemeinernd als Präteritumformen verstanden werden.

Nun gilt aber im vorliegenden Beispiel: Nicht der Schildermaler hat den Weg einmalig bei der Beschriftung des Schildes angezeigt (also aktuell Zustand nach Handlung), sondern das Schild zeigt aktuell den Weg an (Handlung).

Antwort deshalb:
Richtig ist nur Sur la ŝildo la vojo estas indikata.

<9.8.0>


Entlegenere Fälle des Gebrauchs von <-ig-> und <-iĝ->

In der Grammatik zu Lektion 5 wurden schon alle wesentlichen Fälle des Gebrauchs von -ig- und -iĝ- besprochen. Dennoch gibt es noch weitere, allerdings weniger wichtige und (außer 1) auch nicht zu empfehlende Möglichkeiten.


1) -ig- hinter transitiven Verben

-ig- hinter transitiven Verben hat die Bedeutung: 'jemanden veranlassen, etwas zu tun'.

Beispiele für "transitiv => transitiv":

manĝi => manĝigi essen => zum Essen bringen, füttern
anstataŭi => anstataŭigi
ersetzen, Ersatz sein => ersetzen, zum Ersatz machen
vesti => vestigi ankleiden => zum Ankleiden bringen

<9.13.26>


2) -iĝ- hinter intransitiven Verben

-iĝ- hinter intransitiven Verben hat die Bedeutung: 'Beginn der Handlung', ist also gleichbedeutend mit ek-.

Empfehlung: Man sollte zur besseren Verständlichkeit die Verwendung von ek- vorziehen.

Beispiele für "intransitiv => intransitiv":

esti => estiĝi = ekesti sein => beginnen zu sein, entstehen
sidi => sidiĝi = eksidi sitzen => beginnen zu sitzen, sich (hin)setzen
stari => stariĝi = ekstari stehen => zu stehen beginnen, sich (hin)stellen
dormi => dormiĝi = ekdormi
schlafen => in den Zustand des Schlafens übergehen, einschlafen

Gelegentlich sieht man im Zuge der Ausbreitung des Gebrauchs von -iĝi diese Bildungswurzel auch schon hinter transitiven Verben in der Bedeutung des Handlungsbeginns.

finiĝi könnte dann bedeuten:
- enden (intransitiv, normale Bedeutung)
- das Ende einleiten; beginnen, Schluss zu machen (transitiv, bislang noch falscher Gebrauch)

Damit wäre -iĝ- keine Markierung für 'intransitiv' mehr, Esperanto verlöre mit solchem Sprachwandel hier seine Klarheit und damit einen entscheidenden Vorteil.

<5.14.9>


3) Weitere - zu vermeidende - Verwendungen von -iĝi

a) -iĝi für reflexive Verben

An den obigen Beispielen hat man schon gesehen, dass-iĝi auch für eine reflexive Verbform stehen kann, also anstatt sin -i. Obwohl diese Verwendung traditionell ist, sollte man sie vermeiden, wenn sie für Unklarheiten sorgen kann.

Beispiele:

nomi => nomiĝi = sin nomi nennen => sich nennen, heißen
lavi => laviĝi = sin lavi waschen => sich waschen
duŝi => duŝiĝi = duŝi sin duschen (transitiv!) => sich duschen
bani => baniĝi = bani sin baden (transitiv!) => sich baden

<9.12.12>

b) -iĝi für Passivformen

Von der reflexiven Verwendung ist es nicht mehr weit bis zum Passiv, zumal man dann dem Problem der Partizipien ("Tempismus" gegen "Aspektismus") ausweichen kann. Deswegen greift es um sich, den Satz 'Der Vorstand wurde gewählt' mit La estraro elektiĝis anstatt mit La estraro estis elektita/elektata wiederzugeben.

Li pagiĝis könnte dann bedeuten:
- 'Er begann zu zahlen.'
- 'Er bezahlte sich.'
- 'Er wurde bezahlt.'

Man sieht, dass man die Verwendung von -iĝi für Passivformen auf jeden Fall vermeiden sollte.

<9.13.26>


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